Mehr Atelier als Bankenviertel
Frankfurts Selbstbild ist von Geld und Skyline geprägt – sein Kunstleben von einer erstaunlich produktiven Gegenrealität: Im Ostend und im Bahnhofsviertel liegen einige der größten Atelierhäuser Deutschlands, die Städelschule zählt zu den international angesehensten Kunsthochschulen Europas, und das Museumsufer liefert den institutionellen Resonanzraum. Die Szene ist kleiner als in Berlin oder im Rheinland, aber außergewöhnlich gut ausgestattet – und durch die Lage der Stadt international wie kaum eine zweite.
Die Prägung: Städel und Städelschule
Beides geht auf denselben Mann zurück: Der Bankier Johann Friedrich Städel stiftete 1815 sein Vermögen für eine Sammlung und eine Kunstausbildung – daraus wurden das Städel Museum und die Städelschule. Das Städel ist mit einer Sammlung von mehr als 3.000 Jahren Kunstgeschichte eines der großen deutschen Kunstmuseen und tritt dabei regelmäßig mit Wechselausstellungen zur Gegenwart auf. Die Hochschule ist klein, englischsprachig geprägt und international besetzt; ihre Professuren gehören regelmäßig zu den prominentesten der Gegenwartskunst, ihr Rundgang ist der wichtigste Termin des Frankfurter Kunstjahres. Mit dem Portikus unterhält die Städelschule zudem eine eigene Ausstellungshalle auf der Maininsel, die internationalen Positionen ebenso offensteht wie dem eigenen Nachwuchs.
Arbeiten in Frankfurt: Atelierfrankfurt und basis
Die Raumfrage beantwortet Frankfurt mit zwei großen Häusern: Atelierfrankfurt im Ostend bietet auf 11.000 Quadratmetern einer ehemaligen Lagerhalle rund 140 Ateliers für über 220 Künstler und Kreative – Hessens größtes Kunstzentrum, mit eigenen Ausstellungsflächen und regelmäßigen offenen Ateliers. basis e.V. im Bahnhofsviertel vergibt als Produktions- und Ausstellungsplattform geförderte Arbeitsräume deutlich unter Marktpreis und begleitet junge Positionen mit einem eigenen Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm, das die Produktionsstätte mit dem öffentlichen Kunstdiskurs verbindet. Zusammen bilden beide Häuser das Rückgrat der Frankfurter Produktion – in einer Stadt mit Bankenviertel-Mieten keine Selbstverständlichkeit.
Ausstellungen in Frankfurt
Der Frankfurter Kunstverein am Römerberg, gegründet 1829, zeigt Gegenwartskunst mit gesellschaftlichem Anspruch; der Portikus gibt internationalen Einzelpositionen einen konzentrierten Raum. Die Schirn Kunsthalle und das Museum für Moderne Kunst (MMK) holen die internationale Gegenwart in die Stadt, das Städel verbindet seine Sammlung mit Ausstellungen zur Moderne. Für die Szene selbst sind daneben die Ausstellungsräume der Atelierhäuser zentral – bei den offenen Ateliers von Atelierfrankfurt und basis zeigt sich die arbeitende Stadt am direktesten.
Frankfurt heute
Schon der Stifter Städel war Bankier – und hinterließ der Stadt keine Bank, sondern ein Museum und eine Kunsthochschule. Zwei Jahrhunderte später setzt Frankfurt diese Tradition fort: mit Atelierfrankfurt und basis als Ankerpunkten einer Szene, die ihre Räume verteidigt und mit dem Portikus, der Schirn und dem MMK institutionelle Partner hat, die auf Augenhöhe agieren. Frankfurt ist in der Kunst genau das, was es beim Rest manchmal zu verbergen scheint: eine Stadt, in der Produktion und Vermittlung eng beieinander liegen. Wer das erleben will, besucht die offenen Ateliers von Atelierfrankfurt oder den Rundgang der Städelschule – Formate, die zeigen, dass Frankfurt künstlerisch mehr zu bieten hat, als sein Finanzimage vermuten lässt. Zwischen Bankenviertel und Bahnhofsviertel, zwischen Städel und basis, ist eine Kunstszene entstanden, die keinen Widerspruch kennt zwischen Geld und Kunst – sie lebt von beidem, und das seit über zweihundert Jahren. Was der Bankier Städel 1815 anstoßen wollte, ist längst Realität: Frankfurt ist eine Kunststadt, die ihre Mittel kennt und einsetzt.