Kunststadt mit hohem Eintrittspreis
Für bildende Künstler ist München ein Paradox: Kaum eine Stadt bietet mehr Kunst auf engem Raum – das Kunstareal rund um die Pinakotheken versammelt Museen, Hochschulen und Galerien in einem einzigen Viertel, eines der dichtesten Museumsquartiere Deutschlands –, und kaum eine macht das Arbeiten schwerer, denn Münchens Mieten sind die höchsten des Landes. Die Szene, die unter diesen Bedingungen besteht, ist entsprechend organisiert: städtisch gefördert, genossenschaftlich vernetzt und auf wenige große Produktionsorte konzentriert, die es zu verteidigen gilt.
Die Prägung: Akademie und Blauer Reiter
Die Akademie der Bildenden Künste München, deren Wurzeln bis 1770 zurückreichen, machte die Stadt im 19. Jahrhundert zu einem der wichtigsten Ausbildungsorte Europas – halb Skandinavien und Osteuropa lernte hier malen. Den größten Münchner Beitrag zur Moderne lieferte 1911 der Blaue Reiter um Kandinsky, Marc und Münter, dessen Hauptwerke heute im Lenbachhaus hängen. Die Akademie ist bis heute der Motor der Szene: Ihr Jahresrundgang zieht Zehntausende an, Sammler und Galeristen sichten den Nachwuchs, bevor er auf dem Markt erscheint – und ein erheblicher Teil der Münchner Künstlerschaft hat hier studiert.
Arbeiten in München: Domagkateliers und städtische Förderung
Münchens Antwort auf die Raumfrage steht im Norden Schwabings: Auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne entstand das Städtische Atelierhaus am Domagkpark mit 94 geförderten Kunstateliers sowie die benachbarten selbstverwalteten Domagkateliers mit 101 Arbeitsateliers – zusammen knapp 200 Ateliers für rund 140 Künstlerinnen und Künstler aus mehr als zwanzig Nationen, einer der größten Atelierstandorte Europas. Mit regelmäßigen offenen Ateliers öffnet das Gelände für das Publikum. Daneben vergibt die Stadt über ihre Atelierförderung weitere Arbeitsräume und Zuschüsse; der Berufsverband Bildender Künstler München und Oberbayern vertritt die Kunstszene. Ohne diese Strukturen wäre künstlerische Produktion in München kaum noch finanzierbar – mit ihnen bleibt sie umkämpft, aber möglich.
Ausstellungen in München
Der Kunstverein München, 1823 gegründet und damit einer der ältesten Deutschlands, zeigt im Hofgarten internationale Gegenwartskunst; die städtische Lothringer 13 Halle in Haidhausen gibt der jungen Szene Raum für Experimente. Dazu kommen die Galerien rund um das Kunstareal, das Haus der Kunst als internationales Ausstellungshaus und das Lenbachhaus, das neben dem Blauen Reiter regelmäßig Münchner Gegenwartspositionen zeigt. Die offenen Ateliers – vom Domagkpark bis zu den über die Stadt verteilten Gemeinschaften – sind auch hier der direkteste Zugang zur arbeitenden Szene, jenseits des institutionellen Betriebs.
München heute
Schon der Blaue Reiter musste sich seine Sichtbarkeit gegen den etablierten Betrieb der Kunststadt erkämpfen – und gewann. Was neben dem musealen Glanz heute entsteht, lässt sich am Domagkpark beobachten, wo Künstler aus mehr als zwanzig Nationen Tür an Tür arbeiten, oder beim Akademie-Rundgang, bei dem Sammler, Galeristen und Kunstinteressierte durch sämtliche Klassen gehen. Die Domagkateliers öffnen ihr Gelände mehrmals im Jahr für das Publikum – weniger Markt als Begegnung, weniger Ausstellung als Blick in die Werkstatt. München ist in der Kunst genau das, was es beim Rest ungern zugibt: eine offene Stadt, deren stärkstes Argument nicht das Museum ist, sondern das Atelier und das Gespräch, das dort stattfindet. Wer die Münchner Szene über die Pinakotheken hinaus kennenlernen will, ist beim Domagkpark und beim Akademie-Rundgang am richtigen Ort – und wird dort mehr finden, als das Stadtimage verspricht.