Bildende Künstler

Das Porträt: Ein Gesicht bleibt

Kein Bildthema ist älter als das Gesicht des Menschen – und keines hat die Erfindung der Fotografie so spektakulär überlebt. Das Porträt war Machtinstrument, Liebespfand und Totengedenken, ehe es zur Frage wurde, die es bis heute ist: Was sieht man, wenn man einen Menschen ansieht?
1 / 9Weiter

Gegen das Vergessen: die Anfänge

Am Anfang des Porträts steht der Tod. Die berühmten Mumienporträts aus dem Fajum in Ägypten – in Wachsfarben auf Holz gemalt, den Verstorbenen aufs Grabtuch gebunden – zeigen schon vor fast zweitausend Jahren erstaunlich individuelle Gesichter: große Augen, die den Betrachter über die Jahrtausende hinweg ansehen. Auch das römische Bildnis diente dem Gedenken; die schonungslos realistischen Ahnenporträts der Republik hielten fest, wer einer war. Diese Urfunktion hat das Porträt nie verloren: Es ist ein Einspruch gegen das Verschwinden – ein Gesicht soll bleiben, wenn der Mensch geht.

Die Renaissance entdeckt das Individuum

Nach Jahrhunderten, in denen die christliche Kunst Heilige statt Bürger zeigte, kehrte das individuelle Bildnis in der Renaissance machtvoll zurück – zuerst im Profil nach antikem Münzvorbild, dann in der Dreiviertelansicht, die den Dargestellten dem Betrachter zuwendet. Das Porträt wurde zum Medium des neuen Selbstbewusstseins: Kaufleute, Gelehrte und Fürsten ließen sich malen, Albrecht Dürer erhob mit seinen Selbstbildnissen den Künstler selbst zum würdigen Gegenstand. Hans Holbein der Jüngere führte am englischen Hof vor, was das Genre konnte: Bildnisse von solcher Präzision, dass Heinrich VIII. ihn als eine Art Gesandten einsetzte – das gemalte Gesicht als Information, Diplomatie und Beweisstück.

Rembrandt: das Porträt wird Seelenkunde

Die Frage, ob ein Porträt mehr zeigen kann als Ähnlichkeit, beantwortete Rembrandt mit seinem eigenen Gesicht: In rund achtzig Selbstbildnissen – gemalt, radiert, gezeichnet – protokollierte er sich vom übermütigen Jüngling bis zum gezeichneten Alten. Die späten Selbstporträts, entstanden nach Bankrott und Verlusten, gehören zum Erschütterndsten der Kunstgeschichte: Ein Mensch sieht sich selbst beim Altern zu, ohne Beschönigung, mit einer Wahrhaftigkeit, die jede Eitelkeit hinter sich gelassen hat. Seit Rembrandt ist klar, was das Porträt im Kern verhandelt: nicht die Form eines Gesichts, sondern die Spur eines gelebten Lebens darin.

Der Schock der Fotografie

Als die Fotografie ab 1839 das Abbild automatisierte, schien das gemalte Porträt erledigt – Ähnlichkeit gab es nun schneller, billiger und unbestechlicher. Tatsächlich starb nur das Routinebildnis; die Kunst antwortete, indem sie das Porträt neu begründete: Es sollte fortan zeigen, was die Kamera nicht sieht. Van Gogh malte Gesichter in Farben der Empfindung, Picasso zerlegte sie in Ansichten, Francis Bacon verschliff sie zu Schreien, Lucian Freud baute sie aus zäher Farbmaterie wieder auf. Die Fotografie selbst wurde dabei zur eigenen Porträtkunst – doch die Lektion blieb: Seit es das fotografische Abbild gibt, muss jedes gemalte oder gezeichnete Porträt eine Antwort auf die Frage sein, warum es gemalt wurde.

Porträt und Identität

Das Porträt ist nie neutral. Wer gemalt wird – und wer nicht – sagt etwas über eine Gesellschaft: Jahrhundertelang dominierten in westlichen Sammlungen weiße Männer, aristokratische Frauen und kirchliche Würdenträger; alles andere blieb unsichtbar. Seit den 1990er Jahren hat das Genre eine politische Schärfe gewonnen, die es ins Zentrum zeitgenössischer Debatten gestellt hat. Die britisch-ghanaische Malerin Lynette Yiadom-Boakye (*1977) malt erfundene Schwarze Figuren in klassischer Manier – porträtiert Menschen, die es nicht gibt, und zwingt damit den Blick auf die Leerstellen des Genres. Marlene Dumas (*1953) nähert sich dem Gesicht mit Wasser, Tusche und Tempera bis zur Auflösung: Ihre Figuren pendeln zwischen Intimität und Entfremdung. Jordan Casteel (*1989) porträtiert ihr Harlem-Umfeld in leuchtenden Farben als Würdigung des Alltäglichen. Sie alle nutzen das älteste bildliche Genre als Befragungsinstrument: Wessen Gesicht zählt, wer schaut zurück, welche Körper verdienen Aufmerksamkeit?

Das Porträt heute

Im Zeitalter des Selfies, in dem täglich Milliarden Gesichter fotografiert werden, hat das gezeichnete und gemalte Porträt eine neue Kostbarkeit gewonnen: Es ist langsam. Wer sich porträtieren lässt – oder ein Porträt erwirbt –, bekommt das Gegenteil des Schnappschusses: Zeit, Konzentration und Deutung in einem Bild. Welche Kraft das Genre besitzt, zeigte sich 2018 an einem der meistbeachteten Porträt-Ereignisse der jüngeren Geschichte: Kehinde Wiley und Amy Sherald malten die offiziellen Bildnisse von Barack und Michelle Obama – das gemalte Staatsporträt als weltweites Gesprächsthema. Malerinnen wie Elizabeth Peyton halten zugleich das intime, kleinformatige Bildnis seit den 1990er Jahren im Zentrum der Gegenwartskunst. Auch das Auftragsporträt lebt: Viele Künstlerinnen und Künstler porträtieren nach Vereinbarung – das älteste Bildthema der Welt, weiterhin von Hand.

Schon gewusst?

Was ist der Unterschied zwischen Porträt und Bildnis?

Im heutigen Sprachgebrauch sind die Begriffe weitgehend gleichbedeutend; Bildnis ist das ältere deutsche Wort. Kunsthistorisch bezeichnet beides die Darstellung eines bestimmten, individuellen Menschen – im Unterschied zum Charakterkopf oder zur idealisierten Figur, die keinen realen Einzelnen meinen.

Warum werden trotz Fotografie noch Porträts gemalt und gezeichnet?

Weil ein gemaltes oder gezeichnetes Porträt etwas anderes leistet als ein Foto: Es verdichtet viele Momente, Beobachtungen und Deutungen in einem Bild und trägt die Handschrift einer zweiten Person. Seit der Fotografie konkurriert das künstlerische Porträt nicht mehr um Ähnlichkeit, sondern um Wahrhaftigkeit und Interpretation.

Was ist das Dreiviertelporträt und warum wurde es das beliebteste Porträtformat?

Das Dreiviertelporträt zeigt die dargestellte Person von vorne bis zu den Schultern, leicht seitlich gedreht. Es wurde in der Renaissance durch Raffael und Leonardo populär: Es wirkt natürlicher als das strenge Profil und vermittelt mehr Würde als die Frontalansicht. Die Komposition erlaubt es, Haltung, Hände und Ausdruck gleichzeitig zu zeigen – bis heute das bevorzugte Format für offizielle Bildnisse.

Quellen & Hinweishttps://de.wikipedia.org/wiki/Porträthttps://de.wikipedia.org/wiki/Mumienporträthttps://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Holbein_der_Jüngerehttps://de.wikipedia.org/wiki/Rembrandt_van_Rijnhttps://de.wikipedia.org/wiki/Lucian_Freudhttps://www.studysmarter.de/schule/kunst/kunstgattung/portraetmalerei/https://brittakadolsky.com/10-fakten-ueber-portraets/

Dieser Artikel wurde mit Unterstützung von KI erstellt und redaktionell geprüft.