Die Prägung
Erfurt ist keine Akademiestadt und war es nie. Die künstlerische Tradition der Thüringer Landeshauptstadt ist bürgerlicher Art: Handwerkerzuenfte, Kaufmannsmäzenatentum, kirchliche Auftragskunst. Was Erfurt von Weimar unterscheidet – der glanzvolle Residenzort liegt zwanzig Kilometer entfernt –, ist das Fehlen einer höfischen Förderkultur. Weimar hatte Goethe, Schiller, Cranach, später das Bauhaus. Erfurt hatte Handel, und Handel hatte andere Interessen. Diese Nüchternheit hat die Szene geprägt: Wer heute in Erfurt arbeitet, tut es gewöhnlich ohne großes institutionelles Netz im Rücken.
In der DDR unterstanden die Bildenden Künstler dem Verband Bildender Künstler, der Ateliers vergab und die Kunstproduktion steuerte. In Erfurt entstand dabei ein Bestand an Atelierräumen in Gründerzeitgebäuden, der nach 1990 teilweise erhalten blieb. Die Wende brachte strukturellen Einbruch, aber auch Freiheit: Viele Räume wurden günstig zugänglich, die Selbstorganisation der Künstlerinnen und Künstler gewann Raum.
Arbeiten in Erfurt
Die Atelierkonzentration liegt heute vor allem in der Johannesvorstadt und in den Gründerzeitvierteln südlich und südwestlich der Altstadt. Die Mietpreise für Atelierräume sind im Vergleich zu westdeutschen Städten gleicher Größe erheblich niedriger; das macht Erfurt für Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteiger attraktiv und für Künstlerinnen und Künstler, die bewusst außerhalb der Metropolzentren arbeiten wollen. Viele kommen aus Weimar: Die Bauhaus-Universität und ihre Nachbarinstitutionen produzieren jährlich Absolventinnen und Absolventen, von denen ein Teil in Erfurt bleibt, statt weiterzuziehen. Auch aus Halle – Burg Giebichenstein, eine der renommiertesten Kunsthochschulen Deutschlands – kommen Kräfte in die mitteldeutsche Kunstlandschaft, zu der Erfurt strukturell gehört.
Ateliergemeinschaften und gemeinsam genutzte Räume sind das Rückgrat der Szene. Die Stadt fördert punktuell die Zwischennutzung leerstehender Gewerbefächen für künstlerische Zwecke. Residenzprogramme bestehen in Kooperation mit der Kunsthalle und dem Kunstverein; sie sind bescheiden dimensioniert, schaffen aber immer wieder Verbindungen zu Künstlerinnen und Künstlern von außerhalb.
Ausstellungen in Erfurt
Die Kunsthalle Erfurt im historischen Haus zum Roten Ochsen am Fischmarkt ist das Haupthaus für zeitgenössische Ausstellungskunst in der Stadt. Das Programm verbindet regionale und mitteldeutsche Positionen mit nationalen und internationalen Beiträgen; die Verbindung von historischem Raumkontext und zeitgenössischer Kunst ist ein ausgestelltes Thema, nicht nur eine zufällige Rahmenbedingung. Der Kunstverein Erfurt bespielt kleinere Projekträume mit experimentellen Formaten und gibt jungen Positionen ersten Raum. Die Galerie Waidspeicher ist ein weiterer städtischer Ausstellungsort in einem historischen Speichergebäude.
Ein besonderer Ort ist die Petersberg-Zitadelle: Die Festungsanlage hoch über der Stadt bietet Außeräume für temporäre Kunstinstallationen und hat in den letzten Jahren mehrfach als ungewöhnliche Kulisse für öffentliche Kunstprojekte gedient. Die Nähe zu Weimar ermöglicht darüber hinaus eine Art Doppelstrategie: Ausstellungsbesucherinnen und Ausstellungsbesucher fahren häufig an einem Tag in beide Städte.
Erfurt heute
Erfurt ist kein Kunstzentrum im überregionalen Sinn, aber eine Stadt mit einer funktionierenden Szene, die genau deshalb interessant ist. Die Überschaubarkeit schafft Vernetzung: Wer in Erfurt Ateliers besucht, trifft Leute, die sich kennen und voneinander wissen. Die Verbindungen nach Weimar, Halle und Leipzig sind eng; Erfurt ist Teil eines mitteldeutschen Kunstraums, der nach wie vor unterschätzt wird. Günstige Lebenshaltungskosten, erhaltene historische Substanz und eine Kunsthalle mit Programm machen die Stadt zu einem Ort, den Kunstinteressierte jenseits der üblichen Routen kennen sollten. Der Besuch lässt sich gut mit Weimar kombinieren: Beide Städte an einem Tag sind machbar, und zusammen ergeben sie ein Bild der thüringischen Kunstlandschaft, das kein einzelner Ort allein bieten kann.