Die Prägung
Wiesbaden hat eine Verbindung zur Kunst, die tiefer geht als das übliche Kurortprogramm: Alexej von Jawlensky, einer der bedeutendsten Expressionisten des frühen 20. Jahrhunderts, lebte von 1921 bis zu seinem Tod 1941 in der Stadt. In Wiesbaden entstand sein Spätwerk – die Meditationen und abstrakten Köpfe, in denen er die Malerei bis auf wenige Elemente reduzierte. Das Museum Wiesbaden besitzt heute 111 Jawlensky-Werke und das Jawlensky-Archiv. Für die hiesige Künstlerszene ist diese Präsenz keine bloße Museumstatsache: Jawlensky ist als Bewohner, nicht nur als Ausstellungsobjekt, Teil der Stadtgeschichte.
Der Nassauische Kunstverein, gegründet 1847, ist einer der ältesten Kunstvereine Deutschlands. Er hat über 175 Jahre lang eine nicht-institutionelle Kunstinfrastruktur in der Stadt gehalten – unabhängig vom Museumsbetrieb, nah an den Produzierenden. Diese Kontinuität ist selten.
Arbeiten in Wiesbaden
Wiesbaden ist eine wohlhabende Stadt; die Mietpreise für Ateliers sind höher als in vielen anderen mittleren deutschen Städten, aber niedriger als im benachbarten Frankfurt. Viele Künstlerinnen und Künstler, die an der Städelschule Frankfurt oder an der Hochschule für Gestaltung Offenbach ausgebildet wurden, arbeiten in Wiesbaden und pendeln zum Frankfurter Kunstmarkt. Die Stadt bietet ruhigere Produktionsbedingungen bei guter Vernetzung in die Metropolregion.
Die Stadt Wiesbaden betreibt ein eigenes Atelierförderungsprogramm, das Arbeitsstipendien und verbilligte Mieträume vergibt. Der Nassauische Kunstverein unterstützt junge Künstlerinnen und Künstler durch Ausstellungsmöglichkeiten, die früh in der Karriere wichtig sind. Die räumliche Nähe zu Frankfurt – S-Bahn-Strecke, Fahrzeit unter dreißig Minuten – macht Wiesbaden zu einem realistischen Lebens- und Arbeitsort für Künstlerinnen und Künstler, die im Rhein-Main-Raum verankert sein wollen.
Ausstellungen in Wiesbaden
Der Nassauische Kunstverein bespielt seine historische Villa an der Wilhelmstraße 15 mit rund 350 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Das Programm ist auf junge, experimentelle Positionen ausgerichtet: Der Verein versteht sich ausdrücklich als Sprungbrett für Künstlerinnen und Künstler, die noch keinen stabilen Markt- oder Institutionszugang haben. In den letzten Jahren hat der Kunstverein eine klare Handschrift entwickelt, die konzeptuelle und materialbasierte Arbeiten bevorzugt.
Die private Galerieszene in Wiesbaden konzentriert sich auf die Innenstadt und die Villenviertel. Das Angebot reicht von Klassischer Moderne bis zu gehobener zeitgenössischer Malerei und Skulptur – passend zur wohlhabenden Käuferschicht der Stadt. Für experimentelle und marktferne Positionen ist der Kunstverein der wichtigere Ort; für Ankäufe in gesicherte Sammlungen sind die Galerien gut aufgestellt.
Wiesbaden heute
Wiesbaden ist kein Kunstzentrum im überregionalen Maßstab, aber ein substanzieller Kunstort: das Museum Wiesbaden mit der international einzigartigen Jawlensky-Sammlung, ein aktiver Kunstverein mit klarem Programm, eine Galerieszene im oberen Segment. Die Einbindung in die Rhein-Main-Region hebt die Stadt aus der Isolation einer mittleren Kurstadt heraus. Wer die Verbindung von expressionistischer Stadtgeschichte und lebendiger Gegenwartskunst sucht, findet in Wiesbaden einen Kunstort, der trotz seiner Beschaulichkeit keine provinziellen Maßstäbe hat.
Für Besucherinnen und Besucher des Museums Wiesbaden empfiehlt sich das Jawlensky-Konvolut als eigentliches Ziel: Die 111 Werke zeigen den gesamten Bogen von den figurativen Frühwerken bis zu den abstrakten Meditationen, in denen das Gesicht auf wenige Linien und Flächen reduziert ist. Diese Entwicklung in einem einzigen Haus nachzuvollziehen ist ein selten zu habendes Erlebnis. Außerhalb Wiesbadens gibt es keinen vergleichbaren Überblick über das Jawlensky-Werk.